Willkommen

Ohne Arbeit geht es nicht. Menschen, die nach Deutschland flüchten, finden vor allem dann eine neue Heimat, wenn sie für sich selbst sorgen können. Aber eine dauerhafte Arbeitsstelle zu bekommen ist nicht leicht. Franziska Fink und Andrea Stevens haben ein halbes Jahr drei Menschen begleitet, die in Deutschland Fuß fassen wollen. Dies sind ihre Geschichten.

Negase: Die Wirtschaftsprüferin

Wer im Frühjahr auf der Eckenheimer Landstraße in Frankfurt bei einem Bäcker seine Brötchen gekauft hat, wird wohl nicht geahnt haben, dass hinter der Theke eine studierte Wirtschaftsprüferin stand. Negase kommt aus Äthiopien und lebt seit fast vier Jahren in Deutschland. Es war für sie nicht einfach, ihre Heimat zu verlassen, aber es ist noch schwerer, wirklich in Deutschland anzukommen.
In Deutschland kann man gut leben – wenn man Arbeit findet. „Dann kannst du hier ein sicheres und freies Leben führen“, sagt Negase. In Äthiopien sei das nicht möglich. Zu viel kann dort passieren, zu viele politische Bedrohungen gibt es im alltäglichen Leben. Aufgewachsen ist sie in der Stadt Nekemete, mehr als 300 Kilometer westlich von der Hauptstadt Addis Abeba gelegen.

Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat mit vielen unterschiedlichen ethnischen Gruppen. Mehr als 80 unterschiedliche Sprachen werden in dem Land gesprochen. Die Omoro sind die größte Volksgruppe im Land – und gleichzeitig diejenigen, die von der Regierungspartei EPRDF und der herrschenden Elite, den Tigray, unterdrückt werden. Auch Negase ist eine Omoro und hat selbst erlebt, was das in ihrem Land bedeutet. „Die Regierung kann machen, was sie will“, erklärt Negase. Bevor sie Wirtschaftsprüferin wurde, unterrichtete sie Mathematik und als Lehrerin hatte sie es besonders schwer: „Als Lehrerin musst du die Politik akzeptieren und deine eigene Meinung vergessen.“ Sonst könne man schnell verhaftet werden und ins Gefängnis kommen.

Wie gefährlich die Lage für Lehrer in Äthiopien ist, wird auch in vielen offiziellen Berichten zur Menschenrechtslage in dem Land deutlich. Organisationen wie Humans Rights Watch haben in den letzten Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht, wie die Regierung die Opposition und Andersdenkende unterdrückt oder versucht, auf ihren Kurs zu bringen. Entwicklungsgelder und Programme, die etwa für Bildung und Landwirtschaft gedacht waren, wurden für politische Zwecke benutzt, um Lehrer und Landwirte dazu zu bringen, in die Regierungspartei einzutreten. Regierungskritische Farmern erhielten keinen Zugang zu Saatgut und Düngemitteln. Lehrer und Dozenten wurden verhaftet, weil sie sich weigerten, mit der Regierung zusammenzuarbeiten und propagandistische Politlehren zu unterrichten.

Das Außenministerium der USA hat 2016 in seinem offiziellen Bericht zur Äthiopien festgehalten, dass „die Regierung die akademische Freiheit einschränkt, unter anderem indem sie Entscheidungen zu Immatrikulation von Studierenden, Berufungen von Lehrern und Dozenten und den Lehrplan beeinflusst.“ Auch Negase hat das erlebt: „Als Lehrerin musst du Mitglied in der Regierungspartei sein.“ Wer die EPRDF nicht aktiv unterstützt, macht sich schnell verdächtig. Amnesty International schildert im Bericht „Because I am Oromo“ („Weil ich Oromo bin“) detailliert Menschenrechtsverletzungen gegen die Oromo. Mehr als 200 dokumentierte Einzelschicksale erzählen darin von Repressalien, Haft und Folter. So wurde zum Beispiel einem ehemaligen Mathematiklehrer während seiner Vernehmung ein Auge ausgestochen, weil er sich weigerte, mit der Regierung zusammenzuarbeiten.

Negase mit ihrem Verlobten und ihrer Schwester in der Oromo-Gemeinde in Frankfurt.
Andrea Stevens

Auch Negase erlebte politischen Druck und Bedrohungen im Alltag und suchte nach einem Ausweg für ihre Situation. In der Zwischenzeit war sie nach Addis Abeba gezogen, lebte und arbeitete dort. Aber sie wollte nicht länger als Lehrerin tätig sein. Also entschied sie sich, noch einmal zu studieren und schrieb sich an der Universität für den Studiengang Wirtschaftswissenschaften ein. Negase studierte vier Jahre lang neben ihrer Arbeit als Lehrerin und macht erfolgreich ihren zweiten Hochschulabschluss. Wie sehr sich dieses Studium tatsächlich für sie gelohnt hat, würde sie erst später in Deutschland erfahren.

Doch zunächst erhielt sie durch einen Zufall einen Job als Wirtschaftsprüferin in einer Behörde. Wie in Deutschland auch, werden in Äthiopien freie Stellen im Internet und in Zeitungen ausgeschrieben. Wichtig ist aber, dass man bei offiziellen Stellen – also in Behörden, Universitäten, Schulen – ein Regierungsformular ausfüllen muss. Negases Vorname ist sowohl oromoisch als auch tigrinisch. Die Behörde las ihren Namen auf dem Formular und hielt sie zunächst für eine Tigray. Negase durfte zu einem Bewerbungsgespräch - und erhielt die Stelle. Doch sicher fühlte sie sich noch immer nicht in ihrem Land. Auch in der Behörde war der politische Druck groß, vor allen Dingen für eine Oromo wie Negase. Schließlich konnte sie die ständige Bedrohung im Alltag nicht mehr aushalten.

Um aus Äthiopien rauszukommen, gibt es drei Wege: Ein offizielles Besuchervisum für ein anderes Land, ein Ausreisevisum auf dem Schwarzmarkt oder die illegale Flucht durch Ostafrika und über das Mittelmeer. Das Geld, um ein Visum unter der Hand zu kaufen, hatte Negase nicht. Etwa 300.000 Birr würde dieses kosten, erzählt sie uns. Umgerechnet sind das fast 11.000 Euro, viel Geld für jemanden, der nicht einmal 100 Euro im Monat verdient. Aber Negase hatte Glück: Eine Schwester von ihr lebt schon lange in Deutschland, sie kam als Studentin hierher. Im Jahr 2013 erhielt Negase überraschenderweise die Erlaubnis, ihre Schwester zu besuchen. Negase nutzte diese Chance, Asyl zu beantragen, denn sie wollte auf jeden Fall raus aus Äthiopien. „Wenn das nicht geklappt hätte, dann wäre ich übers Meer gekommen. Ich musste aus meiner Heimat weg“, sagt Negase mit einer festen Stimme, die sonst eher sanft klingt. Ihre Mutter und ihr Bruder, die zurückblieben, unterstützten sie bei ihrer Entscheidung zu gehen, denn „es ist sicherer für mich, hier in Deutschland zu sein“.

Negase lebt seit vier Jahren in Frankfurt.
Andrea Stevens

In Deutschland angekommen, macht Negase erst einmal Sprachkurse und jobbt nebenher ein Jahr lang als Verkäuferin in einem Kiosk. Das ist ein Anfang, aber sie möchte gerne eine Arbeit mit einer richtigen Zukunftsperspektive. Doch wo anfangen? Negase sieht beide Seiten des Arbeitslebens in Deutschland: Zum einen kann man hier viel lernen und hat verschiedene Berufsmöglichkeiten. Aber zum anderen ist es auch schwierig, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Es gibt viele Hürden: Zunächst natürlich die neue Sprache, dann die Bürokratie rund um Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und schließlich muss man einen Arbeitgeber finden, der aufgeschlossen genug ist, um einem geflüchteten Menschen eine echte Chance zu geben.

Eine Bekannte empfiehlt ihr den Verein beramí. Seit mehr als 25 Jahren hilft der Verein Migrantinnen und Migranten, eine echte berufliche Perspektive in Deutschland zu finden. Negase merkt bald, dass sie hier richtig ist. Die Berater von beramí wollen sie nicht nur einfach irgendwo im Arbeitsmarkt unterbekommen, sondern ihr helfen, eine Arbeit passend zu ihren beiden Studienabschlüssen in Mathematik und Wirtschaftswissenschaften und ihren Berufserfahrungen zu finden. Cornelia Goldstein, Pressesprecherin von beramí, weiß wie schwierig das ist: „Unserer Erfahrung nach gelingt es Migrantinnen und Migranten trotz guter Ausbildung immer noch zu wenig, einen Job in ihrer Qualifikation zu finden.“

Damit aber genau das trotzdem gut gelingen kann, ist ein weiterer wichtiger Schritt für Negase, ihre Studienabschlüsse offiziell anerkennen zu lassen. Ihre Beraterin Salwa Yousef vermittelt sie an die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB), die dafür zuständig ist. Um einen ausländischen Bildungsabschluss bewerten zu lassen, ist jedoch mehr als nur das Abschlusszeugnis der jeweiligen Hochschule nötig. Je nach Studiengang müssen auch eine Notenübersicht der gesamten Studienzeit und die Studienordnung der jeweiligen Hochschule vorgelegt werden. „Genau das können aber viele geflüchtete Menschen nicht“, sagt Yousef. Die wichtigen Dokumente im Nachhinein zu besorgen, ist für viele fast unmöglich. In den letzten Monaten habe die ZAB aber ein großes Entgegenkommen bei Studienabschlüssen für nicht reglementierte Berufe gezeigt, so Yousef weiter. Dazu gehören Studienfächer wie BWL und Informatik im Gegensatz zu beispielsweise Medizin oder Jura. Negase hat noch einmal Glück, denn die Addis Abeba Universität, an der sie studierte, ist als ausländische Hochschule ordnungsgemäß anerkannt und ihre Abschlusszeugnisse können erfolgreich bewertet werden.

Schließlich nimmt Negase an beruflichen Fortbildungen teil, die ebenfalls zum Angebot von beramí gehören. „Die Berater unterstützen mich in meinem Bereich, den ich gelernt habe und ich habe dort viele Chancen, Weiterbildungen zu machen“ sagt Negase dazu. Jetzt zahlt sich ihr zweites Studium der Wirtschaftswissenschaften voll aus. Als Mathematiklehrerin hätte sie ohne Referendariat und pädagogischen Studienabschluss in Deutschland keine Chance gehabt. Aber für Wirtschaftswissenschaftler gibt es etliche Fortbildungen: Sie macht einen SAP-Kurs zur Finanzbuchhaltung und nimmt Teil an „Ready-Steady-Go!“, einer Brückenmaßnahme für Wirtschaftswissenschaftler aus dem Ausland. Vier Monate lang geht sie auf die Frankfurt University of Applied Sciences, paukt deutsches Fachvokabular, passt ihre Fachkenntnisse an die Standards am deutschen Wirtschafts- und Arbeitsmarkt an, macht Persönlichkeits-Trainings mit und feilt an ihren Bewerbungsunterlagen.

Was ihr jetzt noch fehlt, ist ein erstes Praktikum, um sich in der deutschen Berufswelt zu orientieren. Ein Praktikum als Einstieg in den Arbeitsmarkt ist ihr wichtig, denn „ich bin neu hier und möchte erst einmal schauen, wie es ist, in Deutschland in einem Büro zu arbeiten.“ Ihr Engagement scheint erste Früchte zu tragen: Eine große deutsche Bank bietet ihr für ein Jahr ein Praktikum an. Doch die Ausländerbehörde gibt ihr in diesem Fall nicht die Erlaubnis, dort zu arbeiten. Negase ist enttäuscht: „Das wäre eine große Chance für mich gewesen.“

Negase erzählt von ihrer verpassten Chance.

Das Warten auf eine Arbeitsgenehmigung kann manchmal lange dauern, denn die Ausländerbehörde gibt den Antrag erst einmal weiter an die Agentur für Arbeit, die eine Arbeitsmarktprüfung macht. Diese Prüfung ist aus zwei Gründen wichtig: Zum einen sollen negative Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt durch Beschäftigte aus dem Ausland verhindert werden und zum anderen wird sichergestellt, dass die Arbeitsbedingungen für ausländische Arbeitnehmer in Ordnung sind und sie nicht etwa ausgenutzt werden. Von einigen Wochen bis mehreren Monaten kann diese Prüfung dauern, das ist von Fall zu Fall und je nach regionaler Behörde unterschiedlich. So mancher interessierte Arbeitgeber ist auch schon wieder abgesprungen, wenn die Wartezeit auf die Erlaubnis zu lange ist, erzählt Negase.

Aber Negase gibt nicht auf, auch wenn die nächste Gelegenheit zu arbeiten, nicht in einem Büro ist, sondern bei einer Bäckerei. Nach vierzehn Tagen Probearbeit, müssen Negase und ihr Arbeitgeber noch einmal sechs Wochen auf die Arbeitserlaubnis warten. Diesmal klappt es und sie arbeitet als Teilzeitkraft hinter der Theke. Der Job ist für Negase nicht allzu stressig, denn es gibt nicht so viele Kunden in der Filiale. Aber wirklich Gelegenheit, ihre Deutschkenntnisse an ihrer Arbeitsstelle zu vertiefen, hat sie nicht. Die Gespräche mit den Kunden gehen über „Guten Tag“, „das macht…“ und „Schönen Tag noch“ nicht wirklich hinaus. Dabei würde Negase gerne mehr deutsch im Alltag sprechen, aber sie hat keine deutschen Freunde, mit denen sie auch mal über komplexere Themen reden könnte. Sie fände es gut, wenn es mehr Initiativen gäbe, Deutsche und geflüchtete Menschen zusammenzubringen. Trotzdem ist die Arbeit in der Bäckerei eine gute Gelegenheit, Geld zu verdienen. Das ist wichtig, denn obwohl Negase finanziell von ihrer Schwester unterstützt wird, fallen etliche Kosten für die Deutschkurse, Prüfungen und Fortbildungen an und Negase möchte ihren Teil dazu beitragen.

Ihren Wunsch, in Deutschland in ihrem Bereich zu arbeiten, verfolgt sie derweil weiter. Und schließlich platzt der Knoten und zwei gute Dinge passieren fast gleichzeitig: Nach fast vier Jahren Wartezeit bekommt Negase endlich einen positiven Asylbescheid. Und sie wird von der Unternehmensberatung Accenture zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen. Negase überzeugt – und bekommt die Chance, am sogenannten Jump-Start-Training des Unternehmens teilzunehmen.

Negase erzählt von Accenture und dem Training.

„Unser Jump-Start-Programm gibt es schon ein paar Jahre und ist eigentlich für Berufseinsteiger, also für Leute, die direkt von der Universität kommen und auf den Einsatz in unserem Unternehmen vorbereitet werden“, erklärt Christiane Richter, die bei Accenture für die Arbeitsgenehmigungen von Mitarbeitern aus dem Ausland zuständig ist. Knapp 400.000 Mitarbeiter hat das Unternehmen weltweit, in Deutschland arbeiten mehr als 6.500 Angestellte aus fast 100 Nationen. Die Idee, dass das Jump-Start-Training auch für Geflüchtete eine gute Einstiegsmöglichkeit sein könnte, hatten Richters Kolleginnen Eva Buch-Erkens und Hanna Protas. Die ersten Interessenten für das Training trafen sie auf einer Zukunftsmesse in Frankfurt, die sie gemeinsam unter anderem mit der IHK und der Agentur für Arbeit organisierten. Über 900 Geflüchtete und mehr als 50 Unternehmen nahmen daran teil. „Die Zukunftsmesse sollte Geflüchteten zeigen, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland vielleicht viel breiter als in ihrem Heimatland ist und gleichzeitig wollten wir bei anderen Arbeitgebern auch erste Hemmschwellen abbauen“, so Buch-Erkens.

Accenture war nicht nur als Mit-Organisator vor Ort, sondern auch selbst auf der Suche nach neuen Mitarbeitern. „Als Arbeitgeber sind wir dort proaktiv auf die Arbeitsuchenden zugegangen“, erzählt Protas. „Wir waren das einzige Beratungsunternehmen auf der Messe und mussten erst einmal erklären, was wir machen und was Beratung eigentlich ist.“ Bei der Auswahl geeigneter Kandidaten ist Protas vor allen Dingen wichtig, „ob man genug Pfeffer hat, den Job auch durchzuziehen“. Negase ist eine von zwei geflüchteten Frauen, die bisher für den Jump Start ausgewählt wurden. Zwei Monate lang wird sie in dem Accenture-Training ihre Fachkenntnisse auffrischen und im Kundenumgang und in Teamarbeit geschult. Am Ende des Trainings gibt es einen Test. Wenn Negase diesen besteht, erhält sie einen unbefristeten Arbeitsvertrag und kann direkt im Unternehmen anfangen.

Negase mit Kollegen beim Training im Beratungsunternehmen Accenture.
Andrea Stevens

Allerdings müssen auch diesmal einige Formalitäten geklärt werden, bevor es richtig losgehen kann. Und obwohl Negase mittlerweile einen positiven Asylbescheid hat, gibt es wieder einige bürokratischen Hürden. Denn auch mit ihrem Asylbescheid muss Negase erst einmal auf einen Termin bei der Ausländerbehörde warten, die ihr dann ihre offizielle Aufenthaltserlaubnis - und damit auch den freien Zugang zum Arbeitsmarkt - erteilt. Das kann zum Teil mehrere Monate dauern. So lange gilt für Negase noch die sogenannte Duldung und ihr Arbeitgeber muss für die Zwischenzeit bei der Ausländerbehörde wieder eine Arbeitsgenehmigung für sie beantragen.

„Das haben wir gemacht und zwar zweifach, einmal für unser Training und dann für die Folgebeschäftigung, wenn sie den Test besteht“, so Christiane Richter. Doch weil diese beiden Vorgänge parallel eingereicht wurden, wurde ein Antrag wieder gelöscht. „Ich telefoniere regelmäßig hinterher, weil ich weiß, dass es in solchen Fällen zu Problemen kommen kann“, erklärt Richter. „So konnten wir den gelöschten Antrag wieder reaktivieren, aber es ist natürlich wertvolle Zeit verloren gegangen.“ Das andere Problem ist, dass es für das Accenture-Training keine offizielle Regelung gibt, aber schließlich klappt es doch: „Die Ausländerbehörde hat entschieden, dass sie uns für die Zeit des Jump Starts eine separate Erlaubnis auf der rechtlichen Grundlage eines sogenannten Orientierungspraktikums erteilen.“

Negase erzählt, dass es sich zu kämpfen lohnt.

Immerhin, das ist schon einmal gelöst. Aber wir bekommen auch eine Ahnung davon, dass nicht nur Geflüchtete, sondern auch Arbeitgeber hartnäckig das Beschäftigungsziel verfolgen müssen. Negase will jedenfalls ihre Chance nutzen. Und wenn sie den Test erfolgreich bestanden hat, ist hoffentlich auch die andere Arbeitsgenehmigung für ihre erste unbefristete Arbeitsstelle in einem richtigen Büro da.

Mehran Farsi: Der Druckspezialist

Mehran Farsi hatte in seiner Heimat alles: Eine eigene Wohnung mit großem Garten, ein Motorrad und vor allen Dingen eine gute Arbeitsstelle bei einer der angesehensten Druckereien in Teheran. Am Wochenende lud er gerne Freunde zu sich ein und kochte für sie. Aufgewachsen ist Mehran in der iranischen Hauptstadt zusammen mit seinen drei älteren Geschwistern.
Mehrans Kindheit war schön: „Unsere Eltern haben uns Kinder immer unterstützt“, sagt er. Sein Vater, der mittlerweile in Rente ist, war Mechaniker, seine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die Kinder. Den Eltern war es wichtig, dass ihre Kinder eine gute Bildung erhielten: Mehrans Brüder arbeiten mittlerweile als Bauingenieur und Unternehmer, seine Schwester ist Architektin.

Mehran ging gerne zur Schule und machte schließlich ein sehr gutes Abitur mit den Schwerpunkten Mathematik und Physik. Danach wollte er studieren. Doch bevor Mehran an die Universität ging, leistete er erst einmal 18 Monate lang Militärdienst. „Wenn du einen Reisepass willst, musst du vorher zum Militär“, erklärt Mehran. Tatsächlich ist es im Iran so, dass Männern, die den Militärdienst ablehnen, nicht nur der Pass, sondern oft auch der Führerschein verweigert wird. Mehran machte also erst die militärische Grundausbildung und arbeitete dann im Verwaltungsbereich der Armee in der Buchhaltung.

Die iranische Armee ist kein schlechter Arbeitgeber: Nach 18 Monaten Militärdienst kann man hauptberuflich in die Armee eintreten, sie bezahlt nicht nur ein gutes Gehalt, sondern auch alle Versicherungen und eine Wohnung. Viele junge Männer im Iran nutzen diese Chance, erzählt Mehran, aber er wollte nicht weiter in der Armee dienen und ging schließlich an die Elmi-Karbordi-Universität in Teheran, um dort Offsetdruck zu studieren, was zum Teil mit dem deutschen Studiengang Medientechnologie vergleichbar ist.

Das Studium war Teil eines dualen Bildungssystems und bot Mehran den Vorteil, dass er die Hälfte der Woche an der Uni studierte und die andere Hälfte direkt in einer Druckereifirma schon Praxiserfahrung sammelte. Er beendete sein Studium erfolgreich und wurde direkt von der Druckerei in eine Festanstellung übernommen.

Mehran liebt die Arbeit als Offset-Drucker.
Andrea Stevens

Mehran hätte zufrieden sein können – mit seiner Arbeitsstelle und seiner Wohnung, seinem Garten und seinem Motorrad. Doch immer öfter stellte er sich die Frage: „Was mache ich eigentlich mit meinem Leben?“ Er suchte nach Antworten, las im Koran, redete mit anderen. Einige sagten ihm, er solle sein Leben ganz auf Gott ausrichten. Andere empfahlen ihm, er solle sich einfach auf seine Arbeit konzentrieren. Aber Mehran dachte: „Das kann nicht alles sein – entweder nur Gott oder nur Arbeit. Da muss mehr sein.“

Sich ernsthaft und offen mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen, ist nicht einfach in einem Land wie dem Iran. „Gerade für junge Leute gibt es Probleme im Iran“, sagt Mehran. „Du darfst nicht frei denken. Unterschiedliche Meinungen sind nicht möglich.“ Schließlich offenbarte sich ihm ein Bekannter in der Nachbarschaft als Christ. „Das war sehr interessant für mich und wir haben uns getroffen.“

Aber sich im Iran für den christlichen Glauben zu interessieren, ist gefährlich. Nach dem Gesetz der Scharia ist eine Abkehr vom Islam nicht nur Sünde, sondern auch kriminell und wird schwer bestraft. Im Herbst letzten Jahres wurden drei Konvertiten zu jeweils 80 Peitschenhieben verurteilt, weil sie Abendmahlswein getrunken hatten. Und im Juli erhielten diese drei Männer wegen ihres Glaubens zusätzlich eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren.

Weniger als ein Prozent der iranischen Bevölkerung sind Christen. Die größte christliche Gemeinschaft sind armenisch-apostolische Christen. Sie dürfen ihren Glauben zwar ausüben, werden allerdings streng vom iranischen Staat überwacht, nicht zuletzt um zu verhindern, dass Muslime zum Christentum konvertieren. In den Kirchen sind Überwachungskameras installiert und Personen, die an einem Gottesdienst teilnehmen wollen, müssen ihren Pass vorzeigen. Dieser wird abgeglichen mit Namenslisten, so dass nur registrierte Gemeindemitglieder in die Kirche gelassen werden.

Deswegen entstehen im Untergrund sogenannte „Hauskirchen“. Auch Mehran nahm an solch einer Hauskirche teil, sie waren oft nur zu viert und lasen zusammen in der Bibel. Seine Familie wusste davon nichts. Doch irgendwann kam die Polizei seiner Bibelgruppe auf die Schliche, sein Freund wurde festgenommen. „Die iranische Polizei ist klug“, sagt Mehran. Im Iran kommt es oft vor, dass Geheimpolizisten sich in zivil als Christen ausgeben und so Hauskirchen unterwandern.

Für Mehran war es nach der Verhaftung des Freundes nicht mehr sicher im Iran. Zum Glück besaß er durch seine Militärzeit einen Pass. Für die Türkei braucht man mit einem iranischen Pass kein Visum, so konnte Mehran Hals über Kopf ausreisen. Von dort aus zog er weiter, zunächst ohne konkretes Ziel. Per Schiff, Zug und zu Fuß ging es für ihn nach Griechenland, über den Balkan und schließlich nach Deutschland. Vielleicht hatte Mehran diese Richtung eingeschlagen, weil er Deutschland aus den Erzählungen seines Vaters kannte, der in den 80er Jahren eine Zeit lang hier gelebt hatte. Und weil Mehran selbst in Teheran an Heidelberger Druckmaschinen gearbeitet hatte. Vielleicht ein gutes Zeichen?

Mehran kommt im September 2015 in Ingelheim an. Dort geht er zur Polizei und sagt, dass er Asyl beantragen will. In den ersten drei Wochen kommt er in einer Halle unter, einer Notunterkunft für Flüchtlinge. Dann geht es weiter für ihn nach Gießen, dann nach Fulda und schließlich nach Frankfurt. Hier wohnt er erst in einem Asylheim, später in einer Pension, mit anderen zusammen in einem Zimmer. Keine Privatsphäre mehr zu haben, fällt Mehran schwer: „Ich gehe um 8 Uhr morgens aus dem Haus und komme erst um 22 Uhr wieder zurück.“ Außerdem vermisst er seine Familie, aber nach seiner überstürzten Flucht, hat er keinen Kontakt mehr zu ihnen. Wenigstens hat er durch einen Kontakt im Asylheim seine neue Gemeinde gefunden. Seitdem geht er jeden Sonntag in die Mosaikkirche in Frankfurt und engagiert sich dort. Da Mehran fünf Instrumente spielen kann, musiziert er dort zusammen mit anderen in Gottesdiensten und ist verantwortlich für die Soundtechnik.

Mehran spielt fünf Instrumente, darunter Gitarre und Cajón.
Andrea Stevens

Aber Mehran ist auch zielstrebig und er weiß, was er braucht, um sich ein neues Leben aufbauen zu können: eine gute Arbeitsstelle. Also belegt er fortlaufend Deutschkurse und sucht nach einem Praktikum in einer Druckerei. Schließlich klappt es: Einen Monat lang hospitiert Mehran bei einem größeren Druckunternehmen im Rhein-Main-Gebiet. Aber in der Druckerei darf Mehran nicht wirklich mitarbeiten, sondern nur zuschauen. „Du darfst nichts machen, du bist nur Praktikant“, sagen seine Kollegen zu ihm. Mehran versteht das nicht wirklich. „Ich kenne die ganzen Druckmaschinen alle sehr gut“, erklärt Mehran. Er habe zum Teil mit den gleichen Maschinen in Teheran gearbeitet und hätte gerne in Deutschland gezeigt, was er kann.

Mehran erzählt, dass eine Arbeit in der Druckerei sein Traumjob ist.

Und doch merkt Mehran während seiner kurzen Zeit in der Druckerei, wo er noch einige Wissenslücken hat. Zum einem fehlt ihm das Fachvokabular für seinen Beruf und zum anderen wurde im Iran mehr manuell gearbeitet. Mehran benötigt dringend IT-Kenntnisse für den Digitaldruck. Doch wo es für ausländische Wirtschaftswissenschaftler (sieh Negase), Ärzte und andere Berufsgruppen spezielle Fortbildungsprogramme gibt, ist Mehran auf sich allein gestellt. Zu speziell sind seine Ausbildung und sein Berufszweig.

Dabei möchte Mehran unbedingt weiter im Druckgewerbe arbeiten. Ihm macht sein Beruf Spaß. Wenn er von seiner Arbeit erzählt, wird Mehrans sonst eher ruhige Stimme lebhaft und seine Augen leuchten. Egal ob Visitenkarten, Bücher, Plakate oder Verpackungen - auf einen Blick kann er erkennen, wie hoch die Anteile bestimmter Farbpigmente sind, um welches Papier oder was für eine Art von Prägung es sich handelt.

Seine Berufsberaterin Nicole Möhrmann, die für die Beratungsstelle beramí und für das Förderprogramm BLEIB in Hessen II arbeitet, hat die Hoffnung, dass er vielleicht einen Betrieb finden wird, wo er nicht noch einmal eine komplette Ausbildung machen muss, sondern sich die fehlenden Kenntnisse aneignen kann und dann vielleicht sogar übernommen wird.

Mehran mit seiner Beraterin Nicole Möhrmann beim Arbeitsamt.
Andrea Stevens

Robert Eisenhardt von der Frankfurter Druckerei Eisenhardt weiß, dass das nicht so einfach werden wird. Sein Familienbetrieb existiert seit 1971, doch das Druckgewerbe hat sich gerade in den letzten 15 Jahren massiv verändert. „Durch den Digital- und Onlinedruck hat ein Verdrängungswettbewerb stattgefunden“, so Eisenhardt. „Vor zehn Jahren gab es noch etwa 16.000 Druckbetriebe in Deutschland, jetzt gibt es nur noch circa 6.000.“

Deswegen hat sich der Familienbetrieb auf die Wurzeln des Druckerhandwerks zurückbesonnen und sich auf Letterpress, also das Hochdruckverfahren mit beweglichen Lettern nach Gutenberg, und Veredelungen spezialisiert. Statt auf Digitaldruck und Quantität setzt die Druckerei Eisenhardt auf Qualität und traditionelle Druckverfahren, die hochwertiger und präziser sind als schneller Online-Druck. „Wir holen aus jedem Produkt das Beste raus, kennen das Material, lassen uns auf jedes einzelne Detail ein“, erklärt Eisenhardt seine Unternehmensphilosophie.

So ein Betrieb wäre also genau das, wonach Mehran sucht. Doch davon gibt es nicht viele in Deutschland, auch wenn langsam immer mehr kleine und mittlere Druckereien auf Letterpress umstellen. „Vor fünf Jahren haben vielleicht drei Betriebe Letterpress in Deutschland gemacht. Mittlerweile sind es ungefähr zwanzig“, so Eisenhardt. Hinzu kommt, dass diese Betriebe eher klein sind und es deswegen nicht viele freie Stellen gibt. „Momentan haben wir zwölf Mitarbeiter und alle Stellen sind besetzt“, erzählt der Druckereibesitzer.

Drei Dinge gibt Eisenhardt Mehran mit auf den Weg: „Er darf nicht ortsgebunden sein und muss sich auch anderswo umschauen.“ Und: „In den nächsten Jahren werden viele Facharbeiter, die noch etwas von traditioneller Druckkunst verstehen, in Rente gehen.“ Vielleicht kann das eine Chance für Mehran sein. Wenn das nicht klappt, empfiehlt er Mehran eine Weiterbildung oder einer neuen Ausbildung, die mit den Druckvorstufen zu tun hat, also zum Beispiel Mediengestalter oder Retuscheur.

Mehran schaut sich derweil weiter um. Auf einem Informationstag im Frankfurter Berufsinformationszentrum wird er mit den vielen Möglichkeiten zu Ausbildungen in Deutschland konfrontiert. Mehran ist für den Infotag optimal vorbereitet: In seiner Mappe sind Lebenslauf in Mehrfachausführung und Unterlagen sortiert und abgeheftet, seine Kleidung und sein Erscheinungsbild ist tadellos. „Deutsche Männer rasieren sich immer“, hatte sein Vater ihm erzählt, daran kann sich Mehran noch erinnern.

Mehran erzählt von den vielen Schwierigkeiten und Hürden auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Vielleicht ist eine Umschulung etwas für ihn? Die verläuft ähnlich wie eine Ausbildung, allerdings kann die Ausbildungsdauer von drei auf zwei Jahre verkürzt werden. Verschiedene Modelle und Unterstützungsmöglichkeiten werden von unterschiedlichen Beratungsstellen an diesem Tag vorgestellt. Es gibt Prämien für bestandene Prüfungen, Berufsausbildungsbeihilfe (kurz BAB), Unterstützung für Lehrgangskosten, Übergangsgeld... Die Ausbildungs- und Finanzierungsmodelle scheinen unendlich, die Anforderungskriterien aber auch und es gibt Fragen über Fragen von den Teilnehmern: Wie alt muss man für BAB sein und können Umschulungen auch gefördert werden, wenn man unter 25 ist? Nicht jeder blickt bei den ganzen Formalien durch.

Keine Frage, das deutsche Bildungssystem eröffnet auf der einen Seite viele Möglichkeiten, zu studieren oder einen Beruf zu erlernen. Aber wie soll man sich zwischen den unterschiedlichen Angeboten und Ansprechpartnern zurechtfinden und eine gute Entscheidung für die eigene Zukunft treffen, noch dazu in einem fremden Land? Wie gut, dass Frau Möhrmann Mehran bei dem Infotag begleitet, um Mehran zu helfen und mit ihm alles zu besprechen.

Nachdem sich Mehran noch die Infostände von IHK und der Handwerkskammer Rhein-Main angesehen hat, ergibt sich noch ein Einzeltermin bei Dieter Leonhardt, der bei der Agentur für Arbeit Berufsberater für Oberstufenschüler und Studierende ist. Er rät Mehran von einer Umschulung oder neuen Ausbildung ab. Das wäre zwar der einfachste Weg, biete aber keine langfristige Perspektive. Leonhardt erklärt Mehran das Ausbildungs- und Hochschulsystem in Deutschland und empfiehlt zum Schluss die Fachhochschule. „Höherer Verdienst, anspruchsvollerer Job, geringere Arbeitslosigkeit“, Leonhardt zählt die Vorteile auf.

Mehran freut sich über seinen positiven Asylbescheid.
Andrea Stevens

Aber als Voraussetzung für ein Studium müsste Mehran noch weitere Deutschkurse machen, um die Deutschprüfung für das Level C1 abzulegen. Das würde noch mindestens ein weiteres Jahr dauern. Dazu noch die Studienzeit - wenn alles gut läuft, könnte er frühestens in vier Jahren anfangen, sich auf eine erste richtige Arbeitsstelle zu bewerben. Das dauert Mehran eigentlich zu lang: "Ich möchte nicht noch ein Studium machen. Das habe ich schon. Ich möchte arbeiten und meine eigene Wohnung haben können."

Es wird nicht einfach werden für Mehran. Aber immerhin gibt es Lichtblicke für ihn: Fast zwei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland erhält er endlich einen positiven Asylbescheid. Und er findet seine erste eigene Wohnung. Manchmal hilft der Zufall im Leben: Mehran sieht in seinem Fitnessstudio einen Aushang für eine freie Wohnung, meldet sich – und hat Glück. Der Vermieter ist offen und nett und Mehran kann in sein erstes richtiges Zuhause in Deutschland ziehen.

Mehran erzählt von seinen Wünschen für die Zukunft.

Sein Ziel, eine gute Arbeitsstelle zu finden, hat er weiter fest im Blick. Er gibt sich noch sechs Monate, um intensiv nach einer Stelle im Druckereigewerbe zu suchen. Aber er fängt auch schon an, sich langsam beruflich umzuorientieren. Beim Frankfurter Flughafen hat er ein erstes Bewerbungsgespräch. Das Gespräch läuft gut, doch dann wird er gefragt, wie lange er schon in Deutschland lebt. Denn um am Flughafen arbeiten zu können, muss man mindestens seit fünf Jahren in Deutschland sein. Diese Bedingung erfüllt Mehran leider nicht. Frau Möhrmann findet trotzdem, dass das Bewerbungsgespräch wichtig für Mehran gewesen ist: „Es ist gut, eigene Praxiserfahrungen zu machen, dazu gehören natürlich auch solche Gespräche.“

Mehran wird auf jeden Fall weitersuchen und Bewerbungen verschicken. Und was ist neben einer guten Arbeitsstelle sein größter Wunsch? „Es gibt so vieles“, sagt Mehran. „Eine große Reise wäre schön, am liebsten mit dem Schiff.“ Mehran möchte noch mehr von der Welt sehen.

Gisell: Die Designerin

Gisell ist eine junge Frau mit vielen Begabungen und einer guten Ausbildung: Sie hat ein Diplom als Modedesignerin und einen Bachelor in Englischer Übersetzungswissenschaft. In ihrem Berufsleben war sie schon als Reiseleiterin, Marketing-Managerin und Fitnesstrainerin tätig.
Als wir Gisell kennenlernen, hat sie kurze Haare, die sie von blond-rosa gerade wieder dunkel gefärbt hat. Ihr Instagram-Account zeigt Bilder von ihren Freundinnen und ihrem Großstadt-Leben. Ihre Mutter leitet einen Fitnessclub, ihre Schwester arbeitet als Elektroingenieurin, ihr Vater ist Innendesigner und Fußballtrainer. Gisell könnte aus Berlin sein, Paris oder London.

Doch Gisell kommt aus Schiras, Hauptstadt der zentralen Südprovinz Fars im Iran. Schiras hat viele Seiten: Wegen des Blumenreichtums wird die Millionenmetropole auch „Garten des Iran“ genannt. Außerdem ist Schiras offizielle Kulturhauptstadt. Eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten dort ist das Mausoleum des berühmten persischen Dichters Hafis, dem Johann Wolfgang Goethe mit seiner Gedichtsammlung „West-östlicher Divan“ ein literarisches Denkmal setzte. Schiras, das sind Moscheen und Gärten auf der einen Seite und herausragende Universitäten, Shopping Malls und fortschrittliche Industriezweige auf der anderen.

Aber Gisell musste weg aus ihrer Heimatstadt, weg aus dem Garten des Iran. Ihren genauen Fluchtgrund möchte sie nicht schildern, aus Angst um ihre Familie, die zurückgeblieben ist. Aber sie erzählt, was es bedeutet, als junger Mensch im Iran zu leben. Wie viele junge Iraner hatte Gisell auch einen Instagram-Account, den sie vor allen Dingen geschäftlich nutzte. Sie postete Fotos von ihrer Mode, die sie designte. Gisells Entwürfe waren elegant und kreativ, sie mischte traditionelle persische Muster mit modernen Schnitten. Und sie postete gerne die Kleidung, die sie entworfen, genäht und in mühevoller Kleinarbeit selbst bestickt hatte auf ihrem Account – wie sie es auch von westlichen Fashion Blogs kannte.

Für Gisell war es wegen vieler Vorschriften nicht einfach, Mode wie diese im Iran zu entwerfen.
Gisell Asheri

Mittlerweile ist dieser Account gesperrt, denn was Gisell damals nicht wusste: Die Iranische Revolutionsgarde, im Jahr 1979 zur Verteidigung des iranischen Regimes gegründet, hatte ihre Überwachung auf Social Media massiv ausgeweitet. Seit den Vorwürfen der manipulierten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2009 arbeitet die Revolutionsgarde daran, das Internet verstärkt zu kontrollieren. Allein dafür werden von der iranischen Regierung geschätzte 76 Millionen Dollar im Jahr zur Verfügung gestellt.

Gisell redet über ihre Schwierigkeiten als Designerin im Iran.

Im Mai 2014 waren sechs junge Männer und Frauen zu 91 Peitschenhieben und sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden, weil sie ein eigenes Musikvideo zu Pharallel Williams Song „Happy“ drehten und auf youtube stellten. Das Video, in dem auf Teherans Dächern getanzt wird und Frauen ohne Schleier zu sehen sind, wurde vom Richter während der Verhandlung als Pornografie bezeichnet. Trotzdem hatten die Angeklagten noch Glück: Ihre Strafen wurden nach internationalen Protesten in Bewährungsstrafen umgewandelt mit der Bedingung, dass sich die Angeklagten drei Jahre lang nichts mehr zu Schulden kommen lassen dürfen.

Anfang 2015 verkündete die Iranische Revolutionsgarde offiziell ihr Projekt „Spider“, das die Überwachung von Social-Media-Nutzern verschärfte, um die Bevölkerung vor „Korruption und westlichem Lifestyle“ zu beschützen. Dabei kamen auch die iranische Modeindustrie und vor allen Dingen Frauen ins Visier: Instagram-Accounts von Designern wurden gesperrt, Fotografen und Models festgenommen. Unter anderem musste sich Elham Arab, ein bekanntes iranisches Model mit über 300.000 Followern auf Instagram, wegen „Werbung für westliche Zügellosigkeit“ öffentlich vor Gericht verantworten, weil auf ihrem Account Fotos von ihr ohne Kopftuch zu sehen waren.

Auch in Gisells direktem Umfeld kam es zu Verhaftungen: „Freundinnen wurden festgenommen, weil sie sich auf Instagram ohne Hidschāb zeigten, und kamen nur frei gegen viel Geld. Andere, die nicht zahlen konnten, wurden zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.“ Gisells Instagram-Account war inzwischen erfolgreich, sie hatte fast 8.000 Follower. Revolutionswächter fingen an, sich in ihrem Bekanntenkreis nach ihr zu erkundigen, nicht nur wegen ihres Instagram-Accounts. Kurzentschlossen entschied Gisell, zu fliehen: „Ich wusste, ich hatte nicht genug Geld, um mich freizukaufen.“

Gisells Instagram-Account wurde von der iranischen Regierung gesperrt.
Andrea Stevens

Seit fast anderthalb Jahren lebt Gisell nun in Frankfurt. In ihrem Lebenslauf hat sie ihre Stärken aufgelistet: Sie sei engagiert, hart arbeitend und bereit, Herausforderungen anzunehmen. Wie wichtig diese Stärken für sie wirklich sind, lernt Gisell in Deutschland jeden Tag aufs Neue. Dass es schwierig werden würde, eine neue Sprache zu lernen, in einem anderen Land Fuß zu fassen und Arbeit zu finden, war ihr klar. Aber mit den vielen bürokratischen Hürden, die sich ihr in den Weg stellen, hatte sie nicht gerechnet.

Das fängt schon bei ihrer Einreise an: In der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Gießen wird ihr eine Übersetzerin zur Seite gestellt. Für die Registrierung gibt Gisell die Adresse eines Cousins in Frankfurt an, bei dem sie die ersten Tage wohnt. Die Übersetzerin fragt, ob das ihr Ehemann sei. „Nein, ich bin nicht verheiratet“, antwortet Gisell mehrmals. Doch die Übersetzerin meint: „Es ist besser, wenn du einen Ehemann hast, sonst kannst du nicht in Frankfurt bleiben.“ Seitdem ist Gisell als verheiratet registriert. Dieser Registrierungsfehler hat einige Folgen: So steht Gisell dadurch zunächst weniger Geld zu, denn für Ehepaare gibt es weniger als für Einzelpersonen. Aber noch viel schwerwiegender ist, dass sie für ihr laufendes Asylverfahren unbedingt den Fehler korrigieren lassen muss. Ihr erster Asylantrag wird abgelehnt und Gisell muss sich eine Anwältin nehmen. Das Warten auf eine neue Anhörung aber dauert lang, mehrere Monate müsse Gisell Geduld haben, meint ihre Anwältin.

Die Anwältin hat ihr Katja Föhrenbach vermittelt. Sie ist Pfarrerin in der Wichern-Gemeinde und der Dreifaltigkeitsgemeinde in Frankfurt. Gisell ist zum Christentum konvertiert, denn „im Islam lehren sie dich, Gott zu fürchten. Ich aber wollte Gott lieben.“ Wenn eine Muslima sich im Iran vom Islam abwendet, drohen ihr Gefängnis und sogar die Todesstrafe. Aber auch hier ist es nicht einfach für Gisell: „Eine andere iranische Frau hat mich im Flüchtlingsheim bedroht und mich an den Haaren gezogen, als sie erfuhr, dass ich Christin bin.“

Gisell hat sich in der Dreifaltigkeitsgemeinde in Frankfurt taufen lassen. Pfarrerin Föhrenbach hat im vorbereitenden Glaubenskurs Gisell näher kennengelernt: „Das war eine bewegende Erfahrung für mich. Einen Erwachsenen zu taufen ist noch einmal etwas anderes.“ Als Taufspruch hat sich Gisell Psalm 27,1 ausgesucht: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten! Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen!“ Föhrenbach erzählt, dass Gisell diesen Taufspruch ganz bewusst gewählt hat: „Das passt zu ihr, denn in Gisell ist viel Licht und Kraft.“

Gesell ist froh, in Sicherheit zu leben. Dennoch vermisst sie ihre Familie, vor allen Dingen ihre Mutter.
Andrea Stevens

Und trotzdem hat Gisell weiterhin viele Baustellen und Sorgen: Ihr Asylverfahren und ihren Gerichtstermin, die Sehnsucht nach ihrer Familie und eine fehlende Krankenversicherung. Dazu kommt die Suche nach einer neuen Wohnung. Inzwischen lebt Gisell zwar in einer eigenen Wohnung, aber diese liegt im Hintergarten eines Privathauses. Innen ist es feucht und dunkel und für den Winter zu kalt, denn die Heizung funktioniert nicht richtig. Doch am meisten macht Gisell sich Gedanken um ihre berufliche Zukunft. Eine gute Arbeitsstelle ist ihr nicht nur persönlich wichtig, sondern wäre für sie auch Gelegenheit, der Gesellschaft etwas zurückzugeben: „Ich möchte arbeiten und Steuern zahlen.“ Auch ihre Pfarrerin Föhrenbach erzählt, dass Gisell gerne anderen hilft: „Sie hat schon oft bei Gemeindeveranstaltungen mit angepackt oder wenn ein Umzug von jemandem anstand.“

In ihren Deutschkursen kommt Gisell in der Zwischenzeit gut voran. Mittlerweile macht sie einen fortgeschrittenen Kurs für das Sprachniveau B2, das Voraussetzung für einen erfolgreichen Berufseinstieg ist. Wichtig ist aber auch, Deutsch im Alltag und nicht nur in der Sprachschule zu üben. Zum Glück ist Gisell nicht nur sprachbegabt, sondern geht auch gerne auf andere Menschen zu.

Als wir mit ihr auf einen Designmarkt in Frankfurt gehen, ist sie begeistert von den vielen kreativen Ständen und schon nach kurzer Zeit redet sie angeregt mit einigen Designern. Bei einem Stand mit Accessoires, die aus Holzresten vom Möbelbau gefertigt werden, bleibt sie stehen. „Das gefällt mir sehr“, sagt sie zu den zwei Designern auf Deutsch, „und es ist auch so umweltbewusst.“ Gisell findet es wichtig, dass sich geflüchtete Menschen integrieren – denkt aber auch, dass dies Frauen oft leichter fällt als Männern: Sie seien kontaktfreudiger und kommunikativer.

Gisell liebt Mode und würde gerne wieder als Designerin arbeiten. Aber sie ist realistisch und schaut sich auch nach anderen Berufsmöglichkeiten um.
Andrea Stevens

Gisell macht sich viele Gedanken, wo sie arbeiten könnte. Sie ist pragmatisch und schaut sich nach beruflichen Alternativen um, denn eine Karriere in ihrem Wunschberuf Designerin ist momentan nicht realistisch. In der Zeit, in der wir sie begleiten, hat Gisell jede Woche neue Einfälle, was sie machen könnte: Eine Stelle am Flughafen oder auf der Messe, eine Ausbildung bei IKEA oder als Mediengestalterin. Gisell feilt an ihren Bewerbungsunterlagen und formuliert in ihren Anschreiben Sätze wie: „Die Kombination aus Mediengestaltung und Business-Englisch während der Ausbildung finde ich besonders reizvoll.“ Aber sie erhält keine Antwort.

Also recherchiert Gisell im Internet weiter zu verschiedenen Berufsbildern – Erzieherin, Produktgestalterin, Fotografin. Sie stellt uns viele Fragen: Haben Fotografen überhaupt eine gute Perspektive oder wäre sie am Ende nach der Ausbildung arbeitslos? Soll sie in ihrem Lebenslauf noch ihre Interessen und Hobbies erwähnen? Wir merken, wie wichtig ihr es ist, eine Arbeitsstelle zu finden und sich zu integrieren. Gisell hat Angst davor, in den Iran rückkehren zu müssen und denkt, dass eine Ausbildung oder Arbeitsstelle zusammen mit ihren guten Sprachkenntnissen, ihre Chancen erhöhen, doch noch einen positiven Asylbescheid zu erhalten.

Ihre Beraterin Nicole Möhrmann, von der Beratungsstelle beramí und dem Förderprogramm BLEIB in Hessen II, unterstützt sie bei ihrer Arbeitssuche und beruflichen Orientierung. Dabei hat sie im Blick, was zu Gisell passen könnte: „Ich kann sie mir gut an der Messe vorstellen oder im Hotelwesen, weil sie eine Macherin ist.“ Dabei muss es nicht zwangsläufig eine neue Ausbildung sein. „Unter den Geflüchteten hat sich verbreitet, dass eine Ausbildung der Schlüssel zum beruflichen Glück sei“, sagt Frau Möhrmann. „Bei jungen Menschen trifft das zu, aber nicht unbedingt bei denjenigen, die schon ihre Bildungsabschlüsse mitbringen und Berufserfahrung haben.“ Sie findet, ein Quereinstieg oder eine Weiterbildung könnte für Gisell auch in Frage kommen: „Sie hat schon so viel Know-How, da muss sie nicht bei Null anfangen.“

Gisell hat in Deutschland einen neuen Instagram-Account – im Privatmodus.
Andrea Stevens

Schließlich findet Gisell durch die Vermittlung von Frau Möhrmann ein erstes Praktikum in einem Hostel. Gisell freut sich, sie postet ein Foto von sich auf ihrem neuen privaten Instagram-Account: „Mein erster Arbeitstag. Ein neuer Anfang.“ Doch nach einigen Tagen ist sie enttäuscht: Eigentlich wurde ihr versprochen, dass sie auch am Empfang helfen darf, doch am Ende reinigt sie nur Zimmer. Das hat sich Gisell anders vorgestellt: „Ich kann doch mehr.“

Gisell erzählt von den Schwierigkeiten, eine Arbeit in Deutschland zu finden.

Nachdem die erste Enttäuschung über das Praktikum verflogen ist, geht Gisell direkt zu einem ihrer liebsten Einrichtungsläden und fragt nach einem Job. Sie hat Glück, der Filialleiter lässt sie zwei Wochen Probe arbeiten. Am liebsten möchte Gisell in dem Laden dekorieren, aber sie packt die meiste Zeit nur Kisten aus. „Besser als nichts“, sagt Gisell. Sie spricht mit ihrem Chef, der ihr in Aussicht stellt, dass sie gelegentlich auch als visuelle Gestalterin eingesetzt werden soll. Aber vorher muss Gisell noch die Arbeitserlaubnis erhalten, auch wenn es sich erst einmal nur um einen Minijob handelt. In der Zwischenzeit arbeitet sie unentgeltlich als Praktikantin weiter in der Filiale, dafür erhält sie eine Erlaubnis über das Frankfurter Arbeitsmarktbüro. Doch die nächste Schwierigkeit wartet schon: Das Sozialamt sperrt ihr für den Monat ihre Sozialleistungen, denn ihre Praktikumserlaubnis liegt anscheinend nicht vor. Gisell kann das Missverständnis schließlich aufklären, aber es ist wieder ein Behördengang mehr plus zwei Wochen voller Geldsorgen. Auf die Arbeitserlaubnis von der Ausländerbehörde für eine reguläre Weiterbeschäftigung nach dem Praktikum wartet Gisell sechs Wochen – und erlebt eine weitere Enttäuschung: Ihr Antrag wird abgelehnt.

Gisell ist für eine Zeit lang sehr geknickt: Arbeit, Wohnung, Krankenversicherung, Asylverfahren – überall nur Probleme. Ohne ein Netzwerk von Beratungsstellen und ehrenamtlichen Helfern sind solche Zeiten der Frustration für Geflüchtete nur schwer zu meistern. „Das freiwillige Engagement von Mentoren, Kirchengemeinden und anderen Helfern ist unerlässlich“, sagt Nicole Möhrmann. „Denn auch als hauptamtliche Betreuerin habe ich nur begrenzte Ressourcen.“ Bei allen Hilfsangeboten, die es gibt, sieht sie auch strukturelle Probleme: „Die Leute bräuchten eigentlich eine 1:1-Betreuung.“ Denn jeder Einzelfall ist anders: Für jeden Geflüchteten muss eine individuelle Lösung, das richtige Angebot, der richtige Weg zwischen Behörden und sich ständig ändernden Regularien gefunden werden. Pfarrerin Katja Föhrenbach ist sich trotzdem sicher, dass Gisell ihren Weg gehen wird: „Was sie mitbringt, sind ihre Motivation und ihr Wille. Ich glaube, dass sie es schaffen wird - wenn nicht im kreativen Bereich, dann vielleicht in einem organisatorischen Beruf.“

Gisell erzählt, dass sie sich eine sichere und freie Zukunft wünscht.

Nach jedem Rückschlag sind neue Perspektiven wichtig. Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich Gisell noch einmal ganz neu aufstellt. Ist eine Ausbildung doch das Richtige für sie? Nicole Möhrmann hat für Gisell ein Angebot vom Frankfurter Verein zur beruflichen Förderung von Frauen herausgesucht. Hier könnte sie einen zehnmonatigen Vorlaufkurs für eine kaufmännische Ausbildung machen. Gisell hat den Verein gleich kontaktiert. Der Kurs für September ist schon voll, aber nächstes Jahr im Januar ist noch ein Platz frei. Gisell bleibt dran.